Erfolgreiches Legasthenietraining mit Erwachsenen

aus dem Buch: Legasthenie im Erwachsenenalter

Es ist heute wohl hinlänglich bekannt, dass sich eine Legasthenie nicht auswächst, so wie man es einst gedacht hat. Der legasthene Mensch bleibt also ein Leben lang legasthen. Für die Betroffenen ist natürlich entscheidend, welche spezielle Hilfe sie in der Kinder- und Jugendzeit bekommen. Je wirksamer die Hilfe, desto schneller und leichter kann der legasthene Mensch sich auch mit Buchstaben oder Zahlen zurechtfinden.

Die Anzeichen für eine Legasthenie oder Dyskalkulie werden aber auch heute noch nicht immer erkannt und es wird lange Zeit nichts für die Verbesserung des Zustandes des betroffenen Menschen getan, bis er schließlich erwachsen ist. So zeigt es sich immer wieder, dass es auch im Erwachsenenalter eine stattliche Anzahl von Menschen gibt, die zwar trotz ihrer Legasthenie irgendwie die Schule gemeistert haben, doch mit ihrem Zustand, der sich in einem beispielweise viel zu langsamen Lesen oder fehlerhaften Schreiben oder auch im schlechten Umgang mit der Mathematik darstellt, absolut nicht zufrieden sind. Viele dieser Leute haben bis dato keine Ahnung, welche Problematik sie dazu bringt, mit den Kulturtechniken auf Kriegsfuß zu stehen. Viele fühlen sich einfach dumm und leiden insgeheim schwer darunter. Man erlebt auch immer wieder, dass Menschen, die in ihrem Beruf tolle Leistungen erbringen, im Schreib-, Lese- und/oder Rechenbereich nicht entsprechen, an sich zweifeln und davon ausgehen, dass sie einfach doch nicht so gescheit sind, wie andere Menschen, die diese Techniken beherrschen. Aufklärung verhilft diesen Menschen nicht selten zu einem völlig neuen Lebensgefühl.

Entscheidend ist deshalb die Tatsache, dass man auch legasthenen Menschen, die bereits erwachsen sind, noch gezielt helfen kann, diese Problematik in den Griff zu bekommen. Es ist natürlich mit wesentlich mehr Aufwand verbunden, als dies beispielsweise mit einem Volksschüler der Fall ist. Verschiedene Voraussetzungen sind aber dafür notwendig. Nur wenn alle strikt eingehalten werden, ist der Erfolg vorprogrammiert.

Der erste Faktor: Der ehrliche Wille des Betroffenen, eine Verbesserung zu erreichen.

Es nützt leider wenig, wenn nur der Lebenspartner die treibende Kraft ist und mit der Tatsache, dass es beispielsweise immer wieder zu Schwierigkeiten kommt, wenn ein Formular ausgefüllt werden muss, nicht leben kann. Die Hauptperson ist der Betroffene. Er muss einen Leidensdruck verspüren, damit er die Motivation für die weitreichende aufwendige Arbeit bei einem Legasthenietraining bekommt. Es gibt
nämlich auch jede Menge erwachsene Legastheniker, die sich schon längst mit ihrem Schicksal abgefunden haben, damit leben und keine Veränderung wünschen.
Diese Bereitschaft ist vom Legasthenietrainer in einem Beratungsgespräch zu eruieren. Er hat den Betroffenen ehrlich darüber zu informieren, dass eine Menge Arbeit auf ihn zukommt und dass nur sein eisener Wille das Durchhalten gewährleistet. Oft ist es günstig, auch den Lebenspartner bei diesem Gespräch dabei zu haben, damit auch das häusliche Verständnis gesichert ist. Man soll, genauso wie bei Kindern, die Tatsache, dass das Umfeld für das Gelingen eines Trainings sehr sehr wichtig ist, nicht zu gering schätzen.

Der zweite Faktor: Das Bewusstsein, dass sich die Erfolge nicht über Nacht einstellen.

Auch über diesen Punkt muss der Legasthenietrainer mit dem Betroffenen ausgiebig sprechen. Man muss klar darstellen, dass die Verbesserungen nicht ständig vorwärts schreiten, dass es manchmal auch zu einfach nicht erklärlichen Rückschritten kommt. In diesen Phasen ist dann auch ein Durchhaltevermögen gefragt. Das aber schließlich, nach viel Geduld und Ausdauer, doch belohnt wird. Denn eines ist dem Betroffenen klar darzustellen, dass es auch noch bei Erwachsenen zu unglaublichen Verbesserungen kommen kann, wenn der Einsatz stimmt.

Der dritte Faktor: Der richtige Trainingsansatz für erwachsene legasthene Menschen.

Es hat sich in der Praxis gezeigt und es ist auch wissenschaftlich fundiert, dass ein Sinneswahrnehmungstraining bei Menschen ab ca. dem 16.-18. Lebensjahr keine Wirkungen mehr für die Verbesserung der Schreib-, Lese- oder/und Rechenleistungen hat. Auf diese Tatsache ist beim Training natürlich Rücksicht zu nehmen.
Das Legasthenietraining bei Erwachsenen setzt sich demnach aus zwei großen Bereichen zusammen, der Verbesserung der Aufmerksamkeit bei den Kulturtechniken und dem speziellen und individuellen, auf die Bedürfnisse des Betroffenen abgestimmten Symptomtraining.

Das Aufmerksamkeitstraining

Wie auch bei legasthenen Kindern, ist das Bewusstsein zu gewährleisten, dass man, wenn man schreibt, liest oder rechnet, unbedingt mit den Gedanken dabei sein muss. Dies ist der Grundstein für eine erfolgreiche Arbeit.
Dieses Bewusstsein beim Erwachsenen zu erreichen ist zwar leichter als beim Kind, doch die Durchführung ist wesentlich schwieriger für diesen. Dies hängt damit zusammen, dass eine jahrelang praktizierte gegenteilige Angewohnheit ganz fest im Menschen verankert ist. Das zeitweise Weggehen der Gedanken, die Oberflächlichkeit beim Schreiben, Lesen oder Rechnen, ist eine im legasthenen Menschen verfestigte natürliche Angewohnheit, der er sich zumeist gar nicht bewusst ist.
Nur die Folgeerscheinungen, die Fehler, die passieren, werden bemerkt. Es ist erstaunlich, wie viel man schon alleine mit dem Bewusstmachen dieser Tatsache erreichen kann. Nur die ständige Durchführung bereitet manchmal anfangs arge Schwierigkeiten. Doch auch in diesem Bereich bewahrheitet sich das Sprichwort "Übung macht den Meister". Unzählige Wiederholungen dieses Aufmerksamkeitszustandes bewirken schließlich eine Umkehr zum tatsächlichen Aufmerksamsein beim Schreiben, Lesen und Rechnen. Wobei man nie voraussagen kann, wie lange ein Training in dieser Richtung dauert, dies hängt immer speziell vom betroffenen Menschen ab. Unterstützen kann man dieses Training auch mit aufmerksamkeitsverstärkenden Übungen, doch ist genau zu beobachten, ob dadurch der gewünschte Zustand eintritt. Aufmerksamkeitsverstärkende Übungen wirken nicht auf jeden Menschen, auch nicht bei Erwachsenen!
Für den Betroffenen und den Trainer ist das "Aha - Erlebnis" sehr erfreulich und die damit verbundenen Verbesserungen in den Kulturtechniken sehr wichtig.

Das Symptomtraining

Weitere Verbesserungen im Symptombereich können aber nur durch weitere spezielle und individuelle Arbeitsschritte erreicht werden.
Wobei der Trainer nicht davor zurückschrecken soll, auch mit dem Erwachsenen an der Basis zu beginnen. Das bedeutet, dass das Training oftmals im Buchstaben- oder Zahlenbereich begonnen werden muss. Wichtig ist hier besonders die Erklärung, warum dies auch für den Erwachsenen wichtig ist.
Weitere Gebiete der Förderung im Symptombereich sind vom Trainer durch eine Fehleranalyse festzustellen. Auch hier ist gezielt vorzugehen. Gebiete, wie die Groß- und Kleinschreibung, die Schärfung, die Wortdurchgliederung und vieles mehr, sind auch beim Erwachsenen meistens betroffen. Ein ausdauerndes Training gewährleistet die Erfolge. Zu betonen ist auch das besondere Einfühlungsvermögen des Trainers in die schon ausgereifte Persönlichkeit des zu Trainierenden. Nicht jeder diplomierte Legasthenietrainer möchte bevorzugt mit Erwachsenen arbeiten. Der Arbeitsbereich unterscheidet sich natürlich vom Arbeitsbereich mit Kindern und Jugendlichen.

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